tset.de » Kurzgeschichten » Eine Weihnachtsgeschichte
Gunnar Zötl, 17.12.1993

Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachten. Jedes Jahr das gleiche. Dieses war schon das siebente Jahr in Folge, in dem Harald an Weihnachten allein war, und da er es nicht fertigbrachte, andere Menschen kennenzulernen, würde sich das auch so bald nicht ändern. Wie sollte jemand wie er auch Bekanntschaften schließen, schließlich war er ein Ausbund an Langeweile.

Er schlug einen zweiten Knoten in das Seil und prüfte, ob es fest genug saß.

Schon in der Schule konnte ihn niemand leiden, er war ein kleiner, verpickelter, kränklicher Streber gewesen, der den Lehrern in den Arsch gekrochen war, um auch in Fächern, in denen er keine Ahnung hatte, mit einer akzeptablen Note dazustehen. Trotzdem hatte er es nie über eine mittelmäßige Leistung hinaus gebracht. Nach der Schule ging es genauso mittelmäßig weiter, er war Buchhalter geworden. Diese Entscheidung hatte er nicht getroffen, weil er so gut mit Zahlen umgehen konnte, sondern weil er sich dort in einem Büro hinter Aktenbergen vor dem Rest der Welt vergraben konnte, und weil der Job keinerlei Aufregungen versprach.

Er stieg auf den Tisch.

Er hatte das andere Geschlecht stets nur aus der Ferne bewundert, war noch nicht einmal mit einem Mädchen ausgegangen, und wenn er mal versucht hatte, eine Frau freundlich anzulächeln, hatte diese Ihr Gesicht verzogen und sich weggedreht. Selbst an Weihnachten.

Er legte sich die Schlinge um den Hals und zog sie ein wenig fest, damit sie sich nicht löste. Wenigstens dieses eine Mal wollte er etwas richtig machen.

Sein Chef hatte ihn eigentlich nur noch aus Mitleid beschäftigt, und er wusste das. Er hatte selbst in diesem hoffnungslos langweiligem Job nichts zuwege gebracht, und auch dieses würde sich nicht ändern. Er besaß keinerlei Ausdauer, die er in eine Umschulung investieren wollte. Er war in seinem ganzen Leben nicht aus dem Kaff herausgekommen, in dem er gewohnt hatte, nicht einmal für ein Wochenende. Und jetzt hatte sein Chef ihm trotz des Mitleids gefeuert, und Harald sah sich nicht in der Lage, einen neuen Job anzunehmen, weil es ihm klar war, dass er ein hoffnungsloser Versager war.

Er sprang. Als das Seil sich unter seinem Gewicht straffte, gab es einen kurzen Ruck, die Schlinge um seinen Hals zog sich zu, und einen Augenblick später schlug er mit dem Kopf auf die Tischplatte und dann auf dem Boden auf. Das Seil war gerissen. Er konnte es nicht fassen, er hatte sich extra ein neues Seil gekauft, und hatte es besonders sorgfältig untersucht. Das Seil war absolut in Ordnung gewesen. Seine Nase blutete.

Er stützte sich auf seine Ellenbogen, und als er hochblickte, sah er auf dem Fensterbrett eine etwa kindsgroße Gestalt in einem weißen Nachthemd hocken, welche offenbar Flügel aus Federn hatte, zumindest sah es für ihn so aus. "Hallo", sagte die Gestalt, und grinste Harald breit an. Dieser schüttelte den Kopf, da er annahm, dass ihm der Kontakt seines Kopfes mit der Tischplatte doch ein wenig mitgenommen hatte. Als er jedoch wieder hochblickte, sah er, dass etwas von dem Blut aus seiner Nase gegen den Heizkörper unter den Fenster gespritzt war, und dass die Gestalt immer noch auf dem Fensterbrett hockte.

"Ich bin Nathaniel, und außerdem bin ich ein Engel", stellte sich die Gestalt vor, und sprang dabei leichtfüßig neben Haralds Kopf, der mittlerweile beachtlich schmerzte. "Schade, dass es nicht geklappt hat" fügte Nathaniel hinzu, und sah Harald mitleidig an. Der war jetzt völlig verwirrt, und fragte sich, ob wohl dieser Knirps etwas damit zu tun haben könnte, dass sein Seil gerissen war.

"Bestimmt nicht", sagte der Engel, "ich bin ja extra heruntergekommen, um Dir zuzusehen". "Aber...", stammelte Harald, "ich dachte, Engel sind dazu da, den Menschen zu helfen?". Nathaniel blickte zu ihm herunter, und sah dabei leicht genervt aus. "Dachtest Du also?", fragte er, und streckte dabei ein wenig seinen linken Flügel aus. Er ging noch einmal um Harald herum, der immer noch auf seine Ellenbogen gestützt auf dem Boden lag, setzte sich schließlich auf den Tisch und ließ die Beine baumeln.

Harald war mehr als verunsichert. Er hatte zwar nie an den ganzen Quatsch mit Engeln und dergleichen geglaubt, aber einen leibhaftigen Engel in seiner Wohnung zu haben, der noch dazu offensichtlich hierhergekommen war, um ihm beim Selbstmord zuzusehen, das erschütterte ihn selbst in seinem nicht vorhandenen Glauben. "Magst Du vielleicht einen Kakao?", fragte er Nathaniel. "Klar", sagte dieser und grinste breit. Harald stemmte sich langsam in die Höhe, und als er nach unten sah, bemerkte er, dass sich aus dem aus seiner Nase getropften Blut mittlerweile eine beachtliche Pfütze am Boden gebildet hatte. Er würde das wegwischen müssen.

Der Engel saß derweil auf dem Tisch, schlenkerte mit seinen nackten Beinen und sah sich in Haralds Wohnung um. "Gefällt es Dir?", fagte Harald, wofür ihn der Engel einen Augenblick lang verständnislos ansah. "Das hier?", fragte er zurück, und sagte dann: "Ich habe selten eine derart langweilige Wohnung gesehen". Harald ging in die Küche und setzte Milch für den Kakao auf.

"Wirst Du es nochmal versuchen?", hörte Harald den Engel aus dem Nebenraum fragen. Harald wusste es nicht. Im Moment wusste er nichts, und den Kako hatte er auch nur angeboten, weil es sich so gehörte, dass man seinen Gästen etwas anbot, und weil dieser Fratz auf seinem Tisch wirklich nicht nach Alkohol aussah, und vor allem, weil sich durch eine so langweilige Handlung wie dem kochen von Milch vielleicht wieder ein wenig Normalität in seinem Denken breitmachen konnte.

Der Engel kam in die Küche. "Bemerkenswert öde", bemerkte er, als er sich umsah. "Wohnst Du schon länger hier?"

"Ja, schon seit 7 Jahren, und vorher bei meinen Eltern.", sagte Harald. "So.", sagte Nathaniel. "Ich habe Dir schon eine neue Schlinge geknüpft", fügte er in einem auffordernden Tonfall hinzu, und als Harald den Engel ansah, schaute dieser so erwartungsvoll drein wie ein Kind vor der Bescherung. Harald hasste diesen Balg dafür, dass er sich hier eingeschlichen hatte, und sich offensichtlich noch über ihn lustig machte. Er hasste ihn fast so sehr wie sich selbst und seine langweilige Existenz. Andererseits war er aber auch neugierig, warum wohl wollte dieser Nachthemdenzwerg ihm dabei zusehen, wie er sich umbrachte? Er rührte den Kakao mit der mittlerweile warm gewordenen Milch in einem Becher zusammen, und brachte diesen in das Wohnzimmer, wo sich Nathaniel mittlerweile auf seinem Lieblingssessel breitgemacht hatte.

Nathaniel bedankte sich artig, als Harald ihm den Becher reichte, aber noch bevor er wieder quengeln konnte, fragte Harald ihn, warum er sich das unbedingt ansehen wollte.

Der Engel sah einen Augenblick aus, als hätte jemand seine Lieblingssendung im Fernsehen abgestellt, um dafür Fussball anzumachen, aber schließlich erklärte er sich doch.

"Stell Dir vor", sagte er, "Du wärst dreitausendvierhundert... äh" Er schaute unter den Saum seines Nachthemdes. "öh, vierhundertsiebenundzwanzig Jahre lang bei Deinem Boss angestellt, und hättest die ganze Zeit nur irgendwelche dämlichen Aufgaben erfüllen müssen, damit irgendwelche noch viel dämlicheren Menschen glauben, Weihnachten würde wirklich stattfinden und was weiß ich noch alles... Schneestreuen ist ja noch nicht einmal das schlimmste, obwohl ich davon immer kalte Finger bekomme."

"Schneestreuen?", fragte Harald verblüfft. "Ja, was glaubst Du denn, wo der Schnee herkommt? Denkst Du vielleicht, der wächst auf Bäumen?" erwiderte Nathaniel gereizt. Harald kam sich ziemlich blöde vor wegen seiner Zwischenfrage, aber das war ja nicht das erste mal in seinem Leben. Die Nase blutete immer noch, und die Flecken aus seinem Hemd würden wahrscheinlich nie wieder herausgehen. Er beschloss, mal eines dieser neuen hochkonzentrierten Waschmittel auszuprobieren.

"Das allerblödeste", fuhr Nathaniel fort, "ist Weinachten selbst. Millionen dämlich grinsender Menschen, die alle scheißfreundlich sind zu Menschen, die sie sonst mit dem Arsch nicht ansehen würden, und die alle diesen Unfug von wegen Fest der Liebe und so daherfaseln, und um sich dann die Krone aufzusetzen, schmausen sie am Festtagsbraten, während 2 Straßen weiter ein Penner erfriert." Er war sichtlich angewidert.

Wahrscheinlich würde aber auch so eines diese Flecken nicht herausbekommen. Harald dachte über ein altes Hausmittel nach, das allerdings nicht allzu schonend mit dem Gewebe umging, als der Engel plötzlich laut "HEY!" brüllte. Harald fuhr zusammen. "Hörst Du mir eigentlich zu?", zeterte Nathaniel, und Harald, der sich fragte, wie dieser Hemdenmatz sein Nachthemdchen wohl so weiß bekam, antwortete verdattert mit einem ja.

"Na gut, sagte der Fratz, "dann kann ich ja weitererzählen.", und während er das tat, behielt er Harald in seinem Blick sodass dieser keine Chance bekam, seine Gedanken wieder in eine andere Richtung schweifen zu lassen. Harald hatte das, was Nathaniel vorher erzählt hatte, nur am Rande mitbekommen, bemühte sich jetzt aber nach besten Kräften, aufmerksam zuzuhören. Das war aber nicht besonders leicht, schließlich hatte ihn der Sturz auf den Kopf derart mitgenommen, dass er schon kleine Kinder in Nachthemden sah, die auf seinem Sessel saßen.

"Äh, wo war ich... ah ja, erfriert. Stirbt also. Und das auch noch wenig spektakulär, eher leise. Währenddessen müssen die Diensthabenden Engel bei den feiernden Familien anwesend sein und auf der Harfe etwas Feierliches spielen, damit den Feiernden so richtig warm ums Herz wird. Niedlich, was? Einmal habe ich etwas von einer dieser modernen Punk-Bands gespielt, und die Leute haben sich daraufhin den ganzen Abend gezankt, und schließlich sogar geschlagen. Ich find das echt nicht schlecht, endlich passierte mal was, aber was glaubst Du, was los war, als der Chef davon erfahren hat..." Bei diesem Satz sah er bedeutungsvoll nach oben, und Harald folgte seinem Blick. Dort oben war die Decke seines Zimmers, und jetzt lief ihm das Blut in die Nasenhöhle.

"Naja, das war dann also nicht mehr drin. Aber einer meiner Kumpel kam vor ein paar Jahren auf eine ganz tolle Idee, nämlich den Suizidtourismus!"

"Was?", fragte Harald einigermaßen entgeistert. "Du meinst..."

"Ich meine, die Engel, die grad keine Schicht haben, fliegen an Weihnachten zu irgendwelchen Leuten, denen es gut geht, und die sich trotzdem umbringen.", unterbrach ihn Nathaniel. "Manchmal sind da echte Knaller dabei, so wie Du zum Beispiel. Nun gut, gelegentlich ist es auch wirklich langweilig. Schlaftabletten, zum Beispiel, sind das Letzte."

Harald starrte den Engel mit aufgerissenen Augen an. Erzählte der da wirklich grad davon, dass Engel, also diese gefiederten, harfespielenden Wonneproppen, die auf den Wolken wohnen, an Weihnachten zur Erde fliegen und Menschen beim Selbstmord zusehen, und das nur, weil ihnen langweilig ist? Aber, Weihnachten war doch das Fest der Liebe, auch wenn für ihn noch nicht allzuviel Liebe abgefallen war. Und diese kleinen Biester ergötzten sich am Leid, das war einfach unglaublich. Und was war das gewesen, Weihnachten nur inszeniert? Warum das alles?

Nathaniel hatte sich vom Sessel erhoben und war zum Fenster gegangen, aus dem er nun hinaussah. "Schau Dir das an", sagte er langsam und mit erstaunter Stimme. Harald ging wie im Schlaf zum Fenster und sah hinaus. Fenster, die erleuchtet waren, Weihnachtsschmuck an den Straßenlaternen, und der große weinachtlich geschmückte Tannenbaum in einem der Gärten der Nachbarschaft, das sah alles sehr festlich und zugleich sehr traurig aus. Aber Nathaniel sah sich nicht das an, was leuchtete, sondern starrte in eines der oberen Fenster des Mehrfamilienhauses gegenüber.

Harald versuchte, dem Blick dieses kleinen Biestes zu folgen, und da sah er es, nur eine Silhouette, aber er wusste sofort, was da vor sich ging, und als er den leichten Glanz in Nathaniels Augen bemerkte, hatte er keinen Zweifel mehr. Er rannte durch seine Wohnung zur Tür, stieß dabei den Sessel um, auf dem Nathaniel vorher gesessen hatte, und war einen Augenblick später im Freien. Er hatte in seiner Wohnung einen seiner Pantoffel verloren, und der Fuß, der darin gesteckt hatte, war sofort so kalt, dass es wehtat, aber er rannte weiter, über die Straße und auf der anderen Seite in das Haus hinein. Er hielt sich nicht damit auf, im Treppenhaus das Licht anzumachen, sondern rannte gleich nach oben, mehrere Stufen auf einmal nehmend, bis er schließlich keuchend und außer Atem dort ankam, wo er hinwollte. Einen Augenblick der Panik, welche Wohnung war es gewesen, er würde zu spät kommen, aber eine Stimme sagte ihm, welche Tür es war, und ohne zu zögern fing er an, dagegen zu hämmern und zu klingeln und zu rufen, nein, er brüllte, dass die Tür geöffnet werden sollte.

Tränen stiegen ihm in die Augen, er hatte schon wieder versagt. Niemand öffnete die Tür, und auch sonst ging keine der Türen auf. Nach einigen Minuten ließ er die Arme sinken. Er war zu spät gekommen. Resigniert drehte er sich um und schickte sich an, die Stufen wieder hinabzusteigen. Ein Gedanke an sein Seil schoss ihm durch den Kopf, und an das kleine Monster, das bestimmt noch schnell hierhergekommen war, um dem Schauspiel beizuwohnen, als er hinter sich leise Geräusche hörte. Er drehte sich um, und sah, dass die Tür, gegen die er grad noch gehämmert hatte, offen war, und in der Tür stand die Frau, deren Schatten er gesehen hatte. Sie lebte.

Er ging wieder zurück, auf die Frau zu. Sie hatte Tränen in den Augen, und ihre Nase blutete. Und er kannte sie. Das war dieses graue Mäuschen aus der Registratur, er hatte sie noch nie wahrgenommen, und wahrscheinlich hatte das auch niemand anders, aber jetzt erkannte er sie wieder. Sie bat ihn herein.

Er ging direkt an ihr vorbei, dorthin, wo der das Fenster vermutete, durch das er geblickt hatte, und da hing es. Eigentlich hing da nur noch ein Teil, ein Stück Seil, das um einen Haken in der Decke geknotet war, der offensichtlich einmal für die Lampe bestimmt gewesen war, welche jetzt in der Ecke lag. Auf dem Boden lag ein weiteres Stück Seil, mit einer Schlinge, die malerisch einen Blutfleck auf dem Boden umschloss, in dem eine weiße Feder schwamm. Offensichtlich war das Seil gerissen. Als er sich umdrehte, stand sie hinter ihm. Langsam bewegte sie ihre Hand auf seine Brust zu, und nahm das eine Ende des Seiles, das er noch um den Hals hängen hatte.

Als sie vorsichtig die Schlinge löste, flatterte ein grinsender Engel zwischen den Häusern der Stadt umher, die nackten Füße in den Saum seines Nachthemdes eingewickelt, weil es wirklich empfindlich kalt war.

Creative Commons Lizenzvertrag
Eine Weihnachtsgeschichte von Gunnar Zötl ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.