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Gunnar Zötl, 07.03.1994

Der Jäger

Er erwachte mit einem Schrei. Sein Pyjama war vom Schweiß durchnässt, und auch sein Kissen und das Laken waren klamm. Die Bettdecke hatte er im Traum aus dem Bett geschmissen. Er fühlte sich wie gerädert, ihm war kalt, sein Nacken tat weh, seine Kehle war wie ausgedörrt, und sein Herz schlug ihm bis in den Hals. Er schluckte zweimal schwer. Er hatte Angst.

An Schlaf war nicht mehr zu denken, wie jedesmal, wenn er nachts nach einem solchen Traum erwachte. Er konnte sich nie daran erinnern, was er geträumt hatte, aber nach seinem Zustand beim Aufwachen zu Urteilen, musste der Traum zumindest sehr lebhaft gewesen sein. Er stand auf und schlurfte in seine Küche, um sich einen Kaffee zu kochen. Draußen war es noch dunkel.

In letzter Zeit war er recht häufig so wie jetzt gerade eben aufgewacht, er hatte schon seit Wochen keine Nacht mehr durchgeschlafen. Wenn er tagsüber Zeit hatte, legte er sich nachmittags noch einmal hin, um wenigstens ein bischen von dem Schlaf nachzuholen, den er doch so dringend brauchte. Schließlich lebte er davon, dass er eine ruhige Hand hatte und keine Fehler machte.

Er zog seinen Pyjama aus und ging ins Bad, um zu duschen. Sein Haar klebte am Kopf, und ihn fröstelte, als er nackt durch die Wohnung zum Bad ging. Das heiße Wasser der Dusche tat ihm gut, und es war, als spülte es neben dem Schweiß auch die Angst, die mit dem Traum wieder gekommen war, fort.

In seinen warmen Frotteebademantel gehüllt saß er am Tisch und trank den Kaffee. Er hatte diesen extra stark gemacht, denn heute und morgen würde er sich keine Schwächen leisten können. Nach diesem Auftrag wollte er sich ein wenig Urlaub gönnen, das hatte er sich vorgenommen. Er war sich sicher, dass die Träume, die ihn in letzter Zeit plagten, ein Ergebnis seiner Arbeitswut in den letzten Monaten waren. Kalifornien, das wäre nicht schlecht. Leisten konnte er sich das allemal. Er konnte sich jeden Urlaub leisten. Allein dieser Job würde ihm 20000 Dollar bringen.

Gegen 6 Uhr zog er sich an. Er hatte einen langen Tag vor sich, von daher war es gar nicht so schlecht, dass er schon so früh aufgewacht war. Nun, man würde ihn nicht Sunny Carl nennen, wenn er nicht auch aus dieser Situation etwas positives ziehen könnte.

Als er das Haus verließ, war es noch dunkel, und ein leichter Nieselregen nässte die Straßen. Hier war es Herbst, aber Kalifornien würde herrlich sein um diese Jahreszeit. Er schlug den Kragen hoch und machte sich auf den Weg.

Das Haus, das er sich ausgesucht hatte, war ideal. Aus einem der Dachfenster hatte er freien Blick auf das Fenster, hinter dem sich sein Opfer befinden würde, und es wohnten nur noch 3 Leute hier. Es war uralt, und hätte eigentlich schon längst abgerissen werden sollen, aber die 3 Verbliebenen hatten es geschafft, die Einhaltung ihrer Mietverträge einzuklagen, und so musste sich der Eigentümer dieses Rattenstalles mit dem Abriss noch bis Mitte des nächsten Jahres gedulden. Den letzten Bewohnern blieb danach nur noch der Weg ins Altenheim.

Die Wohnung, die er brauchte, war unbewohnt, und das offensichtlich schon seit Jahren. Die Tapete blätterte von den Wänden ab, und der Teppich, der dort noch lag, sah er aus, als würde er unerforschte Kulturen kleinster Lebewesen beherbergen. Das Fenster war zerschlagen, und überall an den Wänden und auf dem Boden hatten sich kleine Kulturen von bläulichen Schimmelpilzen gebildet, die sich offenbar anschickten, zusammen mit dem Bewohnern des Teppichs diese Wohnung zu übernehmen. Ein einzelner Stuhl mit abgebrochener Lehne und ein alter gusseiserner Holzkohleofen waren die einzigen Möbelstücke, die hier noch standen. Mehr brauchte er nicht.

Manchmal wünschte er sich, seine Auftraggeber würden sich nicht so kurzfristig bei ihm melden, und ihm dadurch mehr Zeit für Planungen geben, aber in diesem Falle war ihm der Plan geradezu in den Schoß gefallen. Durch den Keller des Hauses hatte er Zugang zu einem Hof hinter dem Haus, von welchem er durch ein Gewirr von Hinterhöfen schließlich auf die Moron Ave. kam, welche 5 Blocks vom Ort der Tat entfernt lag. Er konnte also sicher entkommen.

In einer Wohnung im ersten Stock, welche ebenso leer stand wie die oben, hatten jugendliche Randalierer oder eine Abordnung von Freunden des Hausbesitzers Teile der Wand mit Äxten bearbeitet, sodass man jetzt einige der Bretter, aus welchen die Innenwände bestanden, vorziehen und dann etwas in den Hohlraum zwischen dieser und der gegenüberliegenden Seite der Wand verstecken konnte. Auch dies war wie bestellt, auch wenn er mit einem Messer noch ein wenig an der Öffnung werkeln musste, bevor sie für seine Zwecke ausreichend groß war.

Eigentlich machte ihm diese Art von Jobs keinen Spaß, er mochte es lieber, wenn er seine Opfer jagen konnte. Aber dieses musste schnell über die Bühne gehen, seine Auftraggeber hatten ihm keine Zeit für Spielchen gegeben. Außerdem war das leichtes Geld, mit dem er sich seinen wohlverdienten Urlaub bezahlen würde. Kalifornien. Er verließ das Haus und machte sich auf, um den Rest für heute zu erledigen.

Er kam spät nach Hause, es war fast Mitternacht. Aber er war zufrieden mit sich, denn er hatte alles geschafft, was er sich für heute vorgenommen hatte. Er war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, und fühlte sich jetzt völlig ausgepumpt. Vielleicht würde er dadurch wenigstens heute nacht durchschlafen können. Er war hundemüde. Den Aktenkoffer, den er mitgebracht hatte, verstaute er ganz unten in seinem Kleiderschrank, dann zog er sich aus und ging zu Bett.

Er fuhr so heftig in die Höhe, dass er fast aus dem Bett gefallen wäre. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Atem ging schwer und sein Herz schlug so laut, dass er meinte, nichts anderes mehr hören zu können. Er tastete hektisch nach dem Lichtschalter seiner Nachttischlampe, und warf dabei seinen Wecker um. Ein Schatten des Traumes hatte ihn diesmal begleitet, er erinnerte sich an Dunkelheit, etwas hatte ihn verfolgt, doch er hatte nichts gesehen oder gehört. Aber bevor er die Erinnerung greifen konnte, verschwand sie im Licht seiner Lampe. Zurück blieb er, verschwitzt, keuchend vor Angst.

Es war erst halb vier, und ihm blieben noch fast drei Stunden, bis er aufstehen musste. Diese Träume machten ihn fertig. Er konnte jetzt keine Schlaftablette nehmen, sonst wäre er morgen früh nicht fit genug, aber es war auch unwahrscheinlich, dass er wieder einschlafen würde. Er versuchte es trotzdem. Fast eine Stunde lag er im Dunkel, hörte dem Rauschen seines Blutes zu, welches nur einmal durch ein Auto auf der Straße vor seinem Fenster übertönt wurde. Er war hellwach. Allmählich wurde es auch zu spät, um wieder einzuschlafen. Er stand auf, und duschte heiß.

Die Stunden schlichen vorbei, und er wurde allmählich müde. Er kochte sich eine Kanne extra starken Kaffee, und als draußen die Sonne aufging, nahm er eine seiner kleinen Pillen, die er sich vor einigen Tagen besorgt hatte. Die Dinger waren wirklich gut, diese eine würde ihn wenigstens die nächsten 6 Stunden wachhalten. Der Kaffee drückte von innen auf die Blase.

Halb neun. Er musste los. Er zog seinen grauen Mantel an, setzte einen grauen Hut auf, zog graue Handschuhe an, holte den Aktenkoffer aus dem Schrank und machte sich auf den Weg zur Untergrundbahnstation. Es war kalt und die Strassen waren nass, aber wenigstens regnete es nicht. Er erreichte die Station, und stieg die lange Treppe nach unten. Die meisten der Neonröhren, die die unterirdischen Gänge beleuchteten, waren kaputt, zerstört von den Punks, die hierherkamen, wenn sonst keine Kneipe in der Gegend mehr aufhatte. Sie hingen dann hier herum, besoffen sich und pöbelten Passanten an, die waghalsig genug waren, sich nachts hierherzuwagen.

Aber jetzt waren sie nicht da, und der allmorgendliche Andrang von Menschen, die zur Arbeit fuhren, war auch schon wieder vergessen. Nur ihre Ausdünstungen liefen zusammen mit den Resten des morgendlichen Nebels als Kondenswasser an den Wänden herunter. Er ging allein durch die schlecht beleuchteten Gänge. Das Echo seiner Schritte klang, als würde ihm jemand folgen, die Schritte im Gleichtakt mit den Seinen, nur ein wenig verzögert. Aber das war nur ein Echo. Er erreichte den Bahnsteig gleichzeitig mit seinem Zug.

Er erreichte das Haus ein wenig zu früh, sodass er sich noch einmal vergewissern konnte, dass alles so war, wie er es gestern verlassen hatte. In der Wohnung, in der der Schimmel wohnte, angekommen, öffnete er den Koffer und fing an, das zerlegte Gewehr, das sich darin befand, sorgfältig zusammenzusetzen. Kein automatisches, denn ein solches würde Hülsen auswerfen, die man mühevoll suchen müsste. Er verschloss den Koffer wieder, dann wartete er, dass sich sein Opfer zeigen würde.

Er hatte natürlich ein Foto gesehen, aber dieser Mann war wirklich eine erstaunliche Erscheinung. Er überragte seine vier Begleiter um die Höhe seines Kopfes, war sehr muskulös, fast bullig, und durch den dichten Vollbart und die vollen Haare war vom Gesicht nicht viel mehr als die Augen zu sehen. Unwillkürlich dachte man an Lon Chaney jr. in dem Film "Der Wolfsmensch".

Carl legte an und zielte sehr sorgfältig. Die Sonne war immer noch von den Wolken verschluckt, sodass keine Reflektionen auf der Scheibe seine Sicht beeinträchtigen konnten. Der erste Schuss traf genau ins Herz. Er konnte durch sein Zielfernrohr sehen, wie das Blut das Hemd rot färbte und als sein Opfer fiel, sah er, dass auch an der Wand dahinter ein recht großer roter Fleck war, aus dem die ersten Tropfen anfingen, in schmalen, trägen Rinnsalen nach unten zu laufen. Nach einer Sekunde kam Bewegung in die Begleiter des Wolfsmannes, sie sprangen in Deckung.

Er griff sich den Koffer, und rannte durch die Tür und die Treppe hinunter. Er eilte in die Wohnung mit dem Loch in der Wand, und deponierte dort das Gewehr und den Koffer, sorgfältig in die Ecke geschoben, damit man es nicht sehen konnte. Dann begab er sich in den Keller und durch die Hintertür auf den Hof, den er eiligen Schrittes überqürte. Nur eine Minute später war er auf der Moron Ave.

Alles hatte so geklappt, wie er es sich gedacht hatte. Keiner der Bewohner des Hauses hatte die Wohnung verlassen, und keine der Wohnungen hatte diese Türspione, es hatte ihn im Haus also niemand gesehen. Sollte ihn jemand auf dem Hof gesehen haben, so konnte der nicht mehr über ihn sagen, als dass er einen durchschnittlich großen Mann mit durchschnittlicher Figur in grauem Mantel mit grauem Hut gesehen habe. Die Beschreibung war so gut wie keine.

Das Gewehr musste er eine Weile dort lassen, denn die nächsten Tage war es nicht wahrscheinlich, dass er in das Haus würde gehen können. Selbst wenn es jemand fände, die Waffe war unregistriert und ohne Fingerabdrücke, und sie war nicht von hier.

Er begab sich zur nächsten U-Bahnstation, und fuhr zu einem ihm Reisebüro, wo er sich unter falschem Namen ein Flugticket nach Kalifornien kaufte und ein Hotelzimmer reservierte. Mit Blick auf das Meer. Er hatte sich den Urlaub verdient, und er hatte ihn mehr als nötig. Und schließlich, it never rains in California. Er war freundlich und ruhig, denn alles war wie geplant verlaufen. Er würde sich jetzt Zuhaus hinlegen, dann packen. Das Flugticket war für den nächsten Tag, und er hatte sich zwei Wochen gegönnt. Danach würde er auch sein Gewehr holen können.

Es war stockdunkel. Er ging durch einen Korridor, so etwas wie der in der U-Bahnstation. Seine Schritte erzeugten ein Echo, das so klang, als würde ihm jemand folgen, die Schritte im Gleichtakt mit den Seinen, nur ein wenig verzögert. Er kam nur sehr langsam voran, wobei er sich an einer Wand entlangtastete. Er wusste nicht, was er hier gewollt hatte, warum er hergekommen war. Er blieb stehen. Das Echo seiner Schritte verklang, und er hörte nur noch seinem Atem, und das leise tröpfeln von Kondenswasser. Einen Augenblick lang verharrte er so, wartete, ob sich etwas rühren würde. Die Kälte kroch ihm unter die Kleidung. Ein Tropfen traf ihn im Gesicht, er erschrak. Aber es blieb ruhig. Er ging weiter. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, tastete sich an der Wand entlang. Die Wand war nass, und das Wasser lief ihm in einem kleinen Rinnsal am Unterarm entlang zum Ellenbogen, wo es in sein Hemd troff. Das Echo seiner Schritte folgte ihm. Er fühlte sich unbehaglich. Wenn er sich doch nur erinnern könnte, weshalb er hierhergekommen war. Plötzlich hörte er hinter sich ein platschendes Geräusch, wie wenn jemand barfuß in eine Pfütze getappt wäre. Sein Herz schlug schneller, und er blieb wieder stehen, und lauschte. Es war ruhig. Nur das Tropfen von Wasser und das Klopfen seines Herzens füllten seine Ohren. Doch da war es wieder, ein leises platschen. Und dann hörte er tapsende Schritte, wie von Füßen ohne Schuhe. Sein Herz schlug so heftig, dass er die Schritte fast nicht mehr hören konnte, doch sie wurden lauter, kamen näher. Er wich an der Wand entlang zurück, weg von den Schritten, wobei er fast über einen am Boden liegenden Gegenstand fiel. Seine Knie wurden weich, er zitterte am ganzen Körper. Die tapsenden Schritte wurden schneller und noch schneller, und er war sich sicher, dass er mehr als zwei Füße hörte. Er drehte sich um und fing an, durch die Dunkelheit zu rennen. Er tastete sich immer noch an der Wand entlang, aber er rannte, so schnell er konnte, und plötzlich war die Wand weg. Die Schritte waren schon nah, zu nahe. Er konnte nicht zurück, er musste weiterrennen, und er rannte. Was immer ihm folgte, es war schon so nah, dass er dessen Schritte über den Lärm, den seine Schuhe auf dem harten Boden machten, hören konnte, und es kam näher. Er rannte wie der Teufel, Panik stieg in ihm auf. Er war nahe daran, die Kontrolle zu verlieren. Sein Herz schlug so heftig, dass er fürchtete, es würde zerspringen. Da erwischte es ihn an den Beinen und brachte ihn zu Fall. Als er auf den Boden aufschlug, war es schon über ihm. Er schlug nach oben, und fühlte zottiges Fell. Das Wesen stieß ein kehliges Knurren aus, und er spürte seinen heißen, stinkenden Atem im Gesicht, als sein Maul sich ihm näherte.

Er schlug mit dem Kopf an etwas hartes, und fing sofort an, mit den Armen um sich zu schlagen. Er traf etwas, und hörte ein deutliches klirren. Er schrie und sprang auf die Beine, rannte in die Richtung, in die er schaute, und trat heftig gegen etwas Hartes, und fiel schreiend auf etwas Weiches. Etwas fiel auf ihn, und er fing sofort an, es von sich wegzustoßen. Es war sehr weich und leistete gar keinen Widerstand. Er riss die Augen auf, sah sich um. Da waren Zahlen vor ihm, kleine, grün leuchtende Zahlen. 03:47. Sein Wecker. Er hatte wieder geträumt.

Er tastete nach dem Schalter seiner Nachttischlampe, aber die Lampe war nicht da. Sein Pyjama klebte kalt und nass an seinem Körper, als er durch den dunklen Raum zur Tür eilte, um die Lampe einzuschalten. Als er den Lichtschalter ertastete, spürte er einen scharfen Schmerz in seinem rechten Fuß. Er zog sofort den Fuß von der Erde, und stützte sich dabei auf dem Lichtschalter ab. Das Licht ging an. Dies war sein Schlafzimmer. Er zitterte.

Er war in die Splitter des Schirmes seiner Nachttischlampe getreten, die er offensichtlich während seines Traumes oder beim Aufwachen durch den Raum geschleudert hatte. Seine Bettdecke lag neben dem Bett, sein Nachttisch war bis auf den Wecker vollständig abgeräumt. Und die Lampe lag hier zu seinen Füßen. Er konnte sich noch dunkel an zottiges Fell erinnern, und an heißen, stinkenden Atem. Er hinkte zu seinem Bett, setzte sich auf die Kante und zog den Splitter aus dem Fuß. Die Wunde blutete hässlich. Er zog sein Kopfkissen ab, das auch völlig durchnässt war, wickelte sich den Bezug um den Fuß und hinkte dann ins Bad, um sich den Fuß zu verbinden.

Dies war das erste Mal gewesen, dass er sich an etwas aus dem Traum erinnert hatte. Er nahm einen Zettel, und schrieb es auf: zottiges Fell, stinkender Atem. Ein Kampf. Was noch? Er wusste es nicht. Er duschte und zog sich an, und beschloss, vor der Abreise noch sein Bettzeug zu waschen, damit es nicht vor sich hinschimmelte, bis er wiederkam. Er ließ die Badewanne voll, schmiss sein Bettzeug hinein, und tat etwas Waschmittel dazu. Dann ging er in die Küche und kochte Kaffee.

Er versuchte, sich zu erinnern, aber da war nichts mehr. Selbst die Erinnerung, mit der er aufgewacht war, verblasste langsam. Kalifornien. Er würde in der Sonne liegen, und sich erholen, und dann würden diese Träume aufhören, ihm den Schlaf zu rauben. Wenn nicht, dann würden sich seine wenigen Freunde einen neuen Spitznamen für ihn ausdenken müssen, der seine neugewonnenen Augenringe treffend beschreiben würde. Er packte seine restlichen Dinge für die Reise, und holte die Bettwäsche aus der Wanne und hängte sie auf. Danach frühstückte er ausgiebig, und allmählich vertrieb die Vorfreude auf die Sonne Kaliforniens die trüben Gedanken, die dem Traum gefolgt waren. Vorsichtshalber packte er das Döschen mit den Schlaftabletten ein, und auch seine kleinen Pillen.

Die erste Klasse war fast leer, und das war ihm durchaus recht. So konnte er versuchen, während des Fluges noch ein wenig zu dösen. Er schlief tatsächlich ein, noch bevor die Maschine gestartet war, und als ihn die Stewardess schließlich weckte, fühlte er sich frisch und ausgeruht.

Die Sonne strahlte ihm direkt ins Gesicht, als er aus dem Flugzeug stieg. Er fingerte seine Sonnenbrille aus der Brusttasche seiner Jacke, und setzte sie auf. Er ging durch das Flughafengebäude zum Taxistand, und schon eine halbe Stunde später war er in seinem Hotel, und genoss den Luxus des vollen Kühlschrankes auf seinem Zimmer. Ein freundlicher Whisky zur Begrüßung erschien ihm angemessen. Dann packte er seinen Koffer aus, zog sich etwas sommerlicheres an und zog los. California, here I come.

Als er spät in der Nacht zu seinem Hotel zurückkam, hatte er zwei vielversprechende Frauen kennengelernt, mit diesen zusammen einige nette Bars besucht, und sich einen Sonnenbrand auf der Nase zugezogen. Sunny Carl war in Hochform.

Am nächsten Tag wachte er gegen Mittag auf, und blinzelte in die Sonne, die durch einen Spalt zwischen den Vorhängen direkt auf sein Gesicht schien. Offensichtlich hatte er in dieser Nacht nicht geträumt. Grinsend setzte er sich auf, und rief den Zimmerservice wegen des Frühstücks an. Er hatte wirklich Hunger.

Die nächsten zwei Tage verbrachte er tagsüber am Strand, wo er den Surfern zusah, und abends mit seinen neuen Freundinnen, und dem Versuch, sie ins Bett zu bekommen, und die Nächte schlief er durch. Offenbar hatten die Träume aufgegeben, oder zumindest ebenfalls ein wenig Urlaub genommen. Am Abend des dritten Tages schließlich hatte er eine der beiden herumgekriegt. Louise hieß sie, hatte eine traumhafte Figur und traumhaftes, fast hüftlanges schwarzes volles Haar. Die Andere war mit einem Surflehrer abgezogen, und so hatte er noch eine Weile mit Louise allein in dieser Bar gesessen, dann waren sie ein wenig am Strand entlang spazieren gegangen, wobei sie zufällig an seinem Hotel vorbeigekommen waren. Naja, fast zufällig. Auf alle Fälle war Louise noch nie in einem dieser Luxushotels gewesen, und als er ihr anbot, ihr sein Zimmer zu zeigen, zwinkerte sie ihm zu und ging mit. Als Sunny Carl und Louise schließlich einschliefen, wurde es draußen schon hell.

Er rannte durch die Dunkelheit, die tapsenden Schritte immer noch hinter ihm. Die Tropfen von der Decke des Ganges hatten sich schon fast zu einem gleichmäßigen Regen verdichtet, der ihn durchnässte und unter seiner Kleidung in dünnen Rinnsalen an ihm hinunterlief. Er hatte schon lange die Orientierung verloren, und rannte einfach nur noch, immer in eine Richtung, und hoffte, dass nichts im Weg lag. Er hatte panische Angst, und versuchte sich zu erinnern, warum er hier war. Die Schritte kamen näher, schnelle, gleichmäßige, tapsende Schritte von Füßen ohne Schuhen, von mehr als zwei Füßen. Und dann hatte es ihn eingeholt, schlug ihm die Beine unter dem Leib weg. Er fiel hin, schrie, und dann war es auch schon über ihm. Er drehte sich um, und griff nach oben, in langes, verfilztes, zotteliges Fell. Er riss daran, spürte, wie scharfe Zähne ihn am Kinn ritzten, wie heißer Atem ihn streifte. Das Vieh war unglaublich stark, er griff dorthin, wo er seine Kehle vermutete, und drückte zu, schrie das Vieh an "stirb endlich, lass mich in Ruhe", würgte, schrie. Er hörte lautes Klopfen, Rufe. Er weinte.

Es klopfte immer noch, jemand rief seinen Namen. Das Vieh lag noch auf ihm, er versuchte, es von sich herunterzuwälzen. Es war plötzlich hell. Er öffnete die Augen, und sah, dass Louise auf ihm lag, die Augen weit aufgerissen und seltsam verdreht, das Gesicht verzerrt. Sie war tot. Jemand klopfte an der Tür. Er zitterte am ganzen Körper. Louise. Er schob sie zur Seite, legte sie auf den Rücken und deckte sie zu.

Vor der Tür stand jemand vom Hotelpersonal, der aufgeregt vor ihm herumsprang und wissen wollte, warum er so geschrien habe. Ihm war noch ganz flau, seine Knie waren weich, nur der Bademantel, den er sich übergeworfen hatte, fühlte sich angenehm an auf seiner nassen Haut. Er nahm sich zusammen, und lächelte den Mann vor seiner Tür an. Er habe nur einen schlechten Traum gehabt, sagte er, einen sehr lebhaften Traum. Der Mann vom Hotelpersonal lächelte gezwungen, und fragte dann, ob wirklich alles in Ordnung sei, denn er habe auch eine Frau schreien gehört. Carl lächelte ihn an, während ihm plötzlich schrecklich übel wurde. Er nickte, schloss die Tür und rannte zum Bad, wo er auf den Boden kotzte.

Hier würde er nicht bleiben können. Der Hotelmann würde wiederkommen, und bis dahin würde wenigstens Louise verschwinden müssen. Er würgte immer noch, obwohl sein Magen schon längst leer war, und er hatte Schmerzen. Sein Bauch tat weh, seine Arme, und seine linke Gesichtshälfte brannte wie Feuer. Er ging vorsichtig zum Waschbecken, darauf bedacht, in nichts hineinzutreten, das er sich aus den Füßen würde waschen müssen, stellte das Wasser an, und wusch sich Hände und Gesicht. Er hob den Kopf und sah in den Spiegel. Auf seiner linken Wange waren 3 tiefe, lange Kratzer, aus denen Blut hinunter zu seinem Kinn rann, von wo es auf den Bademantel tropfte. Auch am Kinn war ein ein tiefer Schnitt. Die mussten von Louise stammen, dachte er sich, und sicher würden sie auch den Mann vor seiner Tür verunsichert haben. Sein Herz schlug immer noch zu schnell.

Er war sich fast sicher, dass sie die Polizei rufen würden, und er musste hier weg, bevor die kam. Er zog sich an, stopfte seine restlichen Sachen in seinen Koffer, und als er gerade damit fertig war, klopfte es an der Tür. Dieser Knilch hatte wirklich die Polizei gerufen, dachte er, und machte die Balkontür auf. Während das Klopfen an seiner Tür immer heftiger wurde, warf er seinen Koffer auf den Balkon unter seinen, schloss die Balkontür und machte sich dann selbst an den Abstieg. Als er eine Etage tiefer seinen Koffer aufhob und durch die offene Tür das dahinterliegende Zimmer betrat, hatten eine Etage über ihm der Portier die Tür zu seinem Zimmer geöffnet, und 2 Polizisten drangen mit gezogenen Pistolen ein.

Er ging rasch durch das Zimmer und ignorierte dabei die junge Frau, die im Bett lag und einen unterdrückten Schrei ausstieß, als sie ihn sah. Er drückte die Rufknöpfe für alle Aufzüge, und eilte dann die Treppe hinunter, und durch die Halle nach draußen. Er rannte um das Hotel herum und stopfte seinen Koffer zwischen die großen Müllcontainer des Hotels, wobei er hoffte, dass die Müllabfuhr sich mit dem leeren noch ein bis zwei Tage Zeit lassen würde. Dann sprang er über die Mauer und rannte zwischen den Menschen an der Strandpromenade entlang. Nach einigen hundert Metern hörte er auf zu rennen, und sah sich um. Offensichtlich hatte er sie abgeschüttelt. Ruhig ging er weiter.

Als er sich gegen Abend von einem Taxi zu einen billigen Hotel hatte bringen lassen, hatte er nicht angenommen, dass seine Vorstellungen davon sich von denen des Taxifahrers so stark unterscheiden würden. Dieses Hotel war ein Rattenloch, aber er konnte momentan nicht wählerisch sein. Hier würde ihn niemand fragen, wer er war, und sobald er bezahlt hatte, würden sie sein Gesicht vergessen. Er ging in den ersten Stock, und betrat das Zimmer, das er gemietet hatte. Ein muffiger, fast fauliger Geruch schlug ihm entgegen. Der Putz bröckelte von den Wänden, die bei Regen von innen offensichtlich so nass waren wie die Straßen draußen, und der Boden war mit welligem Linoleum beklebt, welches auch schon das eine oder andere kleine Loch aufwies. Das Bad war draußen auf dem Flur, und er verspürte wirklich kein Bedürftnis, es sich näher anzusehen. Er öffnete das eine kleine Fenster, und legte sich auf das Bett. Draußen schoben sich Regenwolken vor die untergehende Sonne.

Er rannte durch die Dunkelheit. Der gleichmäßige Schauer, der von der Decke dieses Ganges auf ihn niederging, ließ ihn eher an einen Dammbruch denken, als an Kondenswasser, und auf dem Boden stand das Wasser schon so hoch, dass es ihm bei jedem Schritt in die Schuhe lief. Seine Kleidung war schwer und kalt von der Nässe. Was immer hinter ihm her war, es schien weder durch die fast schon greifbare Dunkelheit noch durch das viele Wasser gebremst zu werden. Während er unsicher und mit ausgestreckten Armen vorwärtseilte, klangen die Schritte hinter ihm sicher und gleichmässig, und es bewegte sich sehr schnell. Die Schritte klangen fast wie von einem sehr großen Hund, der durch Pfützen trottete. Er hatte Angst. Trotz der alles durchdringenden Nässe um ihn herum war seine Kehle wie ausgedörrt. Er wusste nicht, warum er hierhergekommen war, aber er wusste, dass er vergessen hatte, wo der Ausgang war. Er war sich sicher, dass ihm dieses Vieh nicht durch den Ausgang folgen würde, aber er wusste nicht, wo der war, und dies war offensichtlich die Domäne seines Verfolgers. Er stolperte über etwas, das sich beim dagegentreten anfühlte wie ein Körper, und fiel mit dem Gesicht voran in das Wasser. Als er versuchte, sich aufzurappeln, war sein Verfolger schon über ihm, und verpasste ihm einen kräftigen Hieb mit einer Pranke, die für jeden Hund zu groß war. Carls Kopf schmerzte fürchterlich. Er versuchte, sich an dem Körper, gegen den er getreten war, abzustoßen, um sich irgendwie unter diesem Vieh herauswinden zu können, aber als er seine Füße dagegen stützte, griffen plötzlich Hände nach seinen Fußgelenken und hielten ihn fest, während das Vieh über ihm nach seinem Gesicht schnappte. Er hatte sich in dem Fell des Tieres festgekrallt, und versuchte, dessen Kopf hochzuhalten, und sich gleichzeitig von dem Griff an seinen Füßen zu befreien, doch seine Beine waren wie in einem Schraubstock, er konnte sich nicht aus dem Griff lösen. Das Wasser stieg schnell, und er musste schon seinen Kopf näher an das schnappende Maul des Biests über ihm bringen, damit er nicht darin ertrank. Was immer da seine Beine festhielt, es war sehr stark, aber es bewegte sich überhaupt nicht, während Carl der Geifer des schnappenden Biests über ihm ins Gesicht flog. Allmählich ließen seine Kräfte nach, und dem Tier gelang es, sich von ihm loszureißen. Einen Sekundenbruchteil später spürte er die scharfen Zähne an seinem Hals und...

... einen stechenden Schmerz am Hinterkopf. Es war stockdunkel, und da seine Beine plötzlich frei waren, und das Biest auch irgendwie verschwunden war, versuchte er, auf die Beine zu springen, und schlug dabei mit dem Kopf so heftig an, dass er wieder ins Wasser zurückfiel und einen Augenblick benommen liegenblieb. Sein Herz schlug heftig, und er spürte einen heftigen Druck auf seiner Blase. Dies würde wohl das erste Mal, wo er sich vor Angst in die Hose machte. Aber etwas war anders. Es war heller, und er war nicht mehr in dem Gang, sondern in einem Raum. Sein Zimmer. Das Hotel. Er hatte wieder geträumt.

Das Licht, das den Raum erhellt, kam von einer Straßenlaterne vor seinem Zimmer. Draußen regnete es stark, und der Wind hatte irgendwie soviel Wasser in sein Zimmer gedrückt, dass der Boden einer großen Pfütze glich. Aber da war noch mehr. Es tropfte von der Decke. Natürlich, der über ihm musste auch das Fenster offenhaben. Sein Kopf tat übel weh, er war während seines Traumes aus dem Bett gefallen und dabei an das kleine Schränkchen neben dem Bett geschlagen, und das hatte ihn geweckt. Beim Durchstarten hatte er das Schränkchen dann gleich noch einmal geküsst. Seine Kleidung war klatschnass, das Bett stand offenbar etwas zu nahe am Fenster. Der Wind, der das ganze Wasser hier hereingeweht hatte, hatte sich aber schon gelegt, zumindest blies er jetzt nicht.

Er stand auf, und fast augenblicklich wurde ihm schwarz vor Augen, und seine Knie knickten unter seinem Körper ein. Benommen sass er auf dem Boden, und wartete, bis das Blut seinen Weg ins Gehirn wieder finden und der Tanz der bunten Punkte vor seinen Augen nachlassen würde. Ein wenig später versuchte er noch einmal, sich zu erheben, und obwohl er noch ein wenig wackelig war, schaffte er es diesmal. Er sah durch das offene Fenster hinaus in den Regen, der die leere Straße in einem Sturzbach verwandelt hatte. Fast Augenblicklich kam die Erinnerung an seinen Traum zurück, und er fühlte fast wieder die scharfen Zähne des riesigen Tieres an der Kehle und die Schraubstockartigen Hände an seinen Füßen. Er stöhnte leise. Warum wurde er in seinen Träumen von einem Tier gepeinigt, das ihn durch finstere Gänge hetzte, fragte er sich.

Das zottige Fell, diese riesigen Pranken und die scharfen Zähne, das alles ließ ihn wieder an diesen Werwolffilm denken. Und an sein letztes Opfer, das er wegen seines Aussehens den Wolfsmann genannt hatte. Und er hätte gern gewusst, seit wann das Wesen, das ihn im Traum verfolgte, diese Gestalt hatte.

Das gleichmäßige Prasseln des Regens trug seine Gedanken weiter, und als er dort am Fenster stand und auf die Straße hinabsah, bemerkte er plötzlich, wie sich ein wenig weiter die Straße entlang etwas bewegte. Zunächst hielt er es für bloße Einbildung, aber da sah er es wieder. Etwas Großes bewegte sich dort, fast versteckt durch die Schatten und den dichten Regen, und nur, wenn es sich durch den direkten Lichtkegel einer Straßenlaterne bewegte, konnte man es kurz sehen. Es kam hierher.

Als es näherkam, konnte Carl erkennen, was es war. Dort unten trottete ein mittelgroßer Hund gemächlich durch den Regen. Nicht so einer wie in seinem Traum, dieser hatte kurzes, glattes Fell, und war viel zu klein, aber Carl spürte wilden Hass in sich aufsteigen, als er den Hund näherkommen sah. Es kümmerte ihn wenig, dass dieser Hund dem aus seinem Traum nicht ähnlich war, und es kümmerte ihn wenig, dass es draußen regnete wie aus Eimern. Dieser Hund dort würde jetzt für all das bezahlen, das ihm sein nächtlicher Peiniger angetan hatte.

Er zog seine Schuhe an, und eilte auf den Gang hinaus. Er bemerkte kaum, dass aus mehreren der Schlitze unter den Türen ein mehr oder minder großen Rinnsal die Pfütze speiste, die sich in der Mitte des Ganges gebildet hatte. Er stürzte die Treppe hinab, begleitet von einem kleinen Sturzbach, der den kleinen See in der Halle nährte, und rannte dann an dem recht unbeteiligt wirkenden Pförtner vorbei hinaus auf die Straße.

Der Hund war schon ein ganzes Stück weitergekommen, und Carl brüllte ihm hinterher, er solle stehenbleiben, und rannte. Als Carl anfing, zu rufen, sah der Hund sich kurz um, kniff dann den Schwanz ein und begann ebenfalls zu rennen. Carl rannte keuchend und schaubend vor Wut hinter dem Tier her, das sich offensichtlich hier recht gut auskannte, denn es floh durch schmale Lücken in Zäunen oder zwischen Containern, und konnte dadurch jedesmal wieder seinen Vorsprung vergrößern. Aber Carl ließ sich nicht abschütteln. Das gleichmäßige Rauschen des Regens wirkte wie Benzin auf das Feuer seiner Wut. Er würde diesen Hund bekommen, und dann würde er ihn töten. Es schien ihm nur gerecht, dass er jetzt den Hund jagte, damit dieser so unter seiner Angst leiden müsse wie er selbst in seinen Träumen.

Als Carl um die Ecke kam, sah er, wie der Hund die Treppen einer U-Bahnstation hinunterrannte. Er blieb stehen. Für einen Augenblick dachte er, er wäre schon einmal hiergewesen, fast wie eine Vision, die ihn ein wenig von seinem Weg abbrachte. Aber der Hass und die Wut kochten noch in ihm, und nur einen Wimpernschlag später stieg er die Treppen hinab.

Er blickte in einen langen Gang mit weiß gekachelten Wänden, der von einigen schwachbrüstigen Neonröhren erhellt wurde, von denen wenigstens die Hälfte schon nur noch flackerte. Die Siele unter der Treppe waren schon lange übergelaufen, und das Wasser, welches die Treppe herunterfloss, stand hier schon fast einen Centimeter hoch. So weit er sehen konnte, gab es nicht mehr einen trockenen Fleck auf dem Boden. Weit vorne hörte er die platschenden Schritte des Hundes auf dem nassen Boden, und er eilte den Gang entlang. Nach links, nach rechts, wieder links, er rannte durch die gekachelten Gänge, den Hund hinterher. Dann stand er vor einer langen Treppe, die nach unten führte, und an deren unterem Ende er gerade noch den Hund verschwinden sah.

Er hatte wieder aufgeholt. Die Jagd fing an, ihm Spaß zu machen. Er nahm mehrere Stufen auf einmal, als er die Treppen hinunterrannte, und überholte dabei einen alten Fahrschein, der mit dem kleinen Sturzbach, den das Wasser auf dieser Treppe bildete, nach unten gespült wurde. Er rannte nach links, dorthin war der Hund abgebogen, und als er an einigen leeren Flaschen vorbeikam, hob er zwei davon auf, um damit nach dem Hund werfen zu können, wenn er nahe genug war.

Die Gänge waren hier nicht mehr gekachelt, nur noch nackte, graue Betonwände. Die Decke war offensichtlich porös, denn an den Wänden lief in schmalen Rinnsalen Wasser herunter, und gelegentlich tropfte etwas von der Decke. Aber davon nahm Carl nicht viel wahr, denn er hörte den Hund vor sich jaulen. Die Aussicht, dass der Köter sich vielleicht verletzt hatte und dadurch langsamer geworden war, gab ihm neuen Auftrieb, und er rannte noch ein wenig schneller.

Gelegentlich sprühten Funken von einer der Neonröhren an der Decke, wenn ein Wassertropfen an den Kontakten vorbeilief. Carl hatte gesehen, dass das Wasser, das ihm hier bis fast an die Knöchel ging, an einer Stelle rote Schlieren hatte. Ein Stück davor lag eine zerbrochene Flasche auf dem Boden, aber die träge Strömung des Wassers hatte die Blutspuren schon ein wenig weitergetrieben. Er würde das Vieh bald eingeholt haben, und dann würde er es ihm zeigen.

An der Wand eines schmalen Wartungsganges sah er Blutflecken, die von dem Wasser, welches an der Wand herablief, langsam weggewaschen wurden. Der Gang endete in einer Gittertür, deren Schloß aufgebrochen war, und hinter der eine Metalltreppe mit Gitterrosten als Stufen weiter nach unten führte. Wenn dieses dämliche Biest so weit nach unten rannte, würde es bald so tief sein, dass es nur noch einen Weg hinaus gäbe, und dann bräuchte Sunny Carl nur noch zu warten.

Er stieg die Treppe hinunter. Das Geländer war nass, an der Unterseite tropfte Wasser von ihnen herab. Das Wasser aus dem Gang, aus dem er gekommen war, ergoss sich in einem kleinen Wasserfall durch die erste Stufe hindurch nach unten. Einmal musste er unter diesem Wasserfall durch, aber das machte nichts aus. Er war zwar bis auf die Knochen durchnässt, aber er spürte davon nichts.

Der Boden hier unten war zwar betoniert, aber die Gänge waren direkt aus irgendwelchem unterirdischem Fels gehauen worden. Das Wasser reichte ihm bis an die Waden, sodass er schon hindurchwaten musste, und roch ziemlich brackig. Aber das Biest würde dadurch bestimmt noch mehr behindert als er. Die Beleuchtung hier unten war sehr spärlich. Die Neonröhren waren recht weit auseinander, und die meisten waren kaputt. An den Wänden lief soviel Wasser hinab, dass es schon fast einen gleichmässigen Film bildete, und auch von der Decke tropfte soviel, dass man schon einen Regenmantel gebraucht hätte, um hier einigermaßen trocken durchzukommen. Aber Carl nahm das alles nicht wahr. Am Ende dieses Ganges, etwa 30 Meter vor ihm, kämpfte sich der Hund durch das Wasser.

Er hatte das Biest erwischt. Diesmal war er der Schnellere. Mit jedem Schritt kam er näher, während der Hund in panischer Angst versuchte, vor ihm zu fliehen, dabei auf dem nassen Boden mit den Pfoten wegrutschte und dabei jedesmal mit der Schnauze in das Wasser eintauchte. Sunny Carl setzte sein breitestes Grinsen auf, denn was jetzt käme, würde ihm Spass machen. Er zerschlug eine der Flaschen, die er bei sich trug, an der Wand, und warf die Andere achtlos weg. Meter um Meter näherte er sich dem Hund, der vor lauter Angst nur noch zu unkontrollierten Fluchtbewegungen fähig war, und dadurch fast gar nicht mehr vorankam.

Carl hatte keine Probleme mehr. Seine Jagdlust hatte ihn hierhergebracht, und sie trieb ihn voran. Er wollte diesen Hund töten. Er bewegte sich schnell und sicher, jedoch ohne Hast durch das Wasser. Dies war seine Welt. Der Hund war seine Beute. Es war, als wäre er schon immer hier gewesen.

Schließlich erreichte er das Vieh, packte es am Nackenfell und riss es aus dem Wasser. Der Hund jaulte laut auf, strampelte und wand sich, doch Carls Griff war fest. Er rammte ihm die Flasche in die Flanke, und der Hund schrie vor Schmerzen.

Der Schmerz war unerträglich, Carl fühlte sich, als hätte das Biest ein Stück aus ihm herausgerissen. Er war blind vor Schmerzen, wand sich, versuchte, sich aus diesen eisenharten Klauen zu befreien, aber vergeblich. Dieses Biest hielt ihn am Nacken hoch wie einen jungen Hund. Er wollte versuchen, es zu verletzen, machte die Augen auf, um zu sehen, wo es war, und sah es zum ersten Mal. Es war riesig, fast doppelt so groß wie er. Der Körper war seltsam missgestaltet, irgendwie verdreht, wie von einem Bildhauer mit einer kranken Phantasie erschaffen, und von ungleichmäßigem, zottigem Fell bedeckt, das an einigen Stellen kaum mehr als ein Flaum über der schorfigen Haut war. Überall in dem Fell waren Spuren getrockneten Blutes und anderes Zeug, von dem er lieber nicht wissen wollte, was es war, und es stank bestialisch.

Aber das allerschlimmste war das Gesicht. Carl sah nach oben, und vor Schreck war er wie gelähmt. Dieses Gesicht, das ihn von da oben mordlüstern angrinste, als das Biest ihn langsam unter Wasser drückte, ließ seine schlimmsten Alpträume wahr werden. Sein Gesicht. Sunny Carl sah in sein eigenes Gesicht.

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